Für viele Reisende bleibt barrierefreier Tourismus nur ein Schlagwort. Ein Schweizer Ehepaar zeigt in der Provence, dass das durchaus möglich ist.
Barrierefreier Tourismus ist seit Jahren ein erklärtes Ziel vieler Destinationen – in der Praxis bleibt das Versprechen „Urlaub für alle“ jedoch oft lückenhaft. Zwar laufen zahlreiche Zertifizierungs- und Anpassungsprozesse, doch noch immer finden Menschen im Rollstuhl, mit Hörbehinderung oder im höheren Alter nur wenige Orte, an denen sie ihren Aufenthalt selbstständig und ohne improvisierte Lösungen gestalten können. Gerade im ländlichen Raum fehlen glaubwürdige und verlässlich barrierefreie Adressen, die sowohl den Bedürfnissen von Reisenden mit Behinderung als auch den Ansprüchen ihrer Angehörigen und Begleitpersonen gerecht werden.
In der Provence, oberhalb des Weinortes Gigondas, positioniert sich nun aber Le Mas de Lencieu als ein solcher Ort. Das ehemalige Weingut aus dem 17. Jahrhundert wurde von dem Schweizer Ehepaar Michaud renoviert und zu einem Feriendomizil mit fünf Ferienhäusern umgebaut, drei davon tragen das französische Label „Tourisme & Handicap“. Das Konzept richtet sich bewusst an alle Gäste – mit und ohne Behinderung – und versteht Barrierefreiheit als selbstverständlichen Teil des Alltags, nicht als Zusatzangebot.
Le Mas de Lencieu liegt in Hanglage mit Blick auf die Dentelles de Montmirail, umgeben von Weinbergen. Das Anwesen ist weder klassisches Hotel noch typisches Gästehaus, sondern ein Ensemble aus drei Sterne-klassifizierten Ferienhäusern, ergänzt um Gemeinschaftsbereiche wie eine große Küche, ein Kaminzimmer, einen schattigen Innenhof, Terrassen mit Aussicht sowie einen Mehrzweckraum etwa für Yoga oder Gruppenangebote. Die Gestaltung ist unaufdringlich: Natursteinmauern, schlichte Möbel, helle Farben und viel Tageslicht prägen das Bild. Die Anlage ist so konzipiert, dass sie sowohl von Einzelreisenden als auch von Paaren, kleinen Gruppen oder Pflegegruppen genutzt werden kann.

Ein Schwerpunkt liegt auf baulichen Anpassungen, die echte Selbstständigkeit ermöglichen sollen. Außenwege verlaufen mit moderater Steigung und sind mit Ruhepodesten versehen, Schwellen wurden überfahrbar gestaltet, sodass auch elektrische Rollstühle passieren können. In den barrierefrei zertifizierten Ferienhäusern wurden großzügige Badezimmer mit Haltegriffen, Duschsitzen und Betten in angepasster Höhe eingerichtet. Hinzu kommen ein reservierter Parkplatz sowie die Möglichkeit, über eine Partnerapotheke zusätzliche Hilfsmittel wie Pflegebetten oder Personenlifter zu organisieren. Optischer Feueralarm für hörgeschädigte Gäste und eine Pflegestation im Ort ergänzen das Angebot. Barrierefreiheit wird nicht durch auffällige Beschilderung inszeniert, sondern in den Alltag integriert: Menschen mit und ohne Behinderung nutzen dieselben Wege, Räume und Terrassen.
Hinter dem Projekt stehen Christine und Jean-Pascal Michaud, die das Anwesen im Jahr 2022 übernommen haben. Beide hatten zuvor in der Schweiz in sozial-medizinischen Einrichtungen gearbeitet und kennen daher die Herausforderungen, mit denen Menschen mit Behinderung und deren Angehörige im Alltag und auf Reisen konfrontiert sind. Ihre beruflichen Erfahrungen sind in die Planung des Hauses eingeflossen, von der Auswahl der Ausstattung bis hin zu Abläufen bei An- und Abreise. Im Gespräch mit Reisekompass erzählt Christine: „Unsere Berufserfahrung im Bereich der beruflichen Wiedereingliederung von Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen sowie die bereits behindertengerechte Ausstattung des Mas de Lencieu haben uns motiviert, uns für einen barrierefreien Tourismus einzusetzen.

Die Gastgeber leben selbst auf dem Gelände, übernehmen den Empfang persönlich, geben Hinweise zu Wanderwegen, Weinproduzentinnen und -produzenten oder regionalen Märkten und reagieren auf besondere Bedürfnisse einzelner Gäste. Gemeinsame Aperitifs unter der Weinlaube oder Pizzaabende im Innenhof gehören ebenso dazu wie die respektvolle Wahrung von Rückzug und Ruhe.
Le Mas de Lencieu hat sich in den vergangenen Jahren besonders bei Gästen aus dem deutschsprachigen Raum etabliert. Dabei kann man diese Destination nicht über die klassischen Portale buchen, wie Christine berichtet: „Wir haben auf Buchungsplattformen verzichtet, um den direkten Kontakt zu unseren Kunden zu pflegen. Das ist für uns ein wichtiger Wert, den unsere Kunden schätzen.“
Umweltbewusstes Management steht ebenfalls im Fokus. Dazu zählen laut den Betreibern unter anderem Kauf von Produkten mit Umweltzeichen oder Öko-Zertifikat, Wassereinsparung, Installation von Wärmepumpen und Sonnenkollektoren, Mülltrennung, Bereitstellung von E-Bikes für Einkäufe in der Umgebung sowie Förderung von naturorientierten und lokalen touristischen Aktivitäten
Die Zielgruppe? Rentnerpaare, Familien, kleine Pflegegruppen oder soziale Einrichtungen nutzen das Angebot, um eine Auszeit in ländlicher Umgebung zu verbringen. Ausschlaggebend ist für viele die Kombination aus landschaftlichem Reiz, persönlicher Betreuung und geprüfter Barrierefreiheit, die Unsicherheiten bei der Planung reduziert. Die Rückmeldungen sind positiv, viele Aufenthalte werden wiederholt gebucht, heißt es. „Gäste mit Behinderung schätzen die barrierefreien Einrichtungen, den Empfang, die Dienstleistungen und die Begegnung mit Gästen ohne Behinderung“, sagt Christine Michaud.

Das Mas versteht sich zugleich als Teil einer Region, die sich verstärkt mit Barrierefreiheit befasst. Die Destination Ventoux-Provence bündelt barrierearme Angebote in einem eigenen Tourismusführer, in dem Le Mas de Lencieu als besonders konsequent umgesetztes Beispiel für Inklusion im ländlichen Raum erscheint. Für Touristen, die in der Provence Urlaub machen möchten und auf barrierefreie Angebote angewiesen sind oder als Angehörige eine passende Unterkunft für sich und ihre Familienmitglieder suchen, eröffnet sich damit eine konkrete Option zwischen Weinbergen, Natur und stillem Rückzug.
